Angriff der Memojis: Apples Verniedlichung der Kommunikation

Sven Kaulfuss 7

Sagt mal, benutzt ihr eigentlich noch Buchstaben, formt daraus Wörter, ganze Sätze und garniert diese mit den passenden Satzzeichen? Geht’s nach Apple gehört ihr damit zu einer aussterbenden Art, denn selbst das Management beim profitabelsten Smartphone-Hersteller kommuniziert ab sofort nur noch mit ausgestreckter Zunge und den Memojis in iOS 12. Wird Text etwa überwertet?

Angriff der Memojis: Apples Verniedlichung der Kommunikation
Bildquelle: Pixabay.com, Apple und GIGA (Bearbeitung).

Offen gesagt, wie einst schon Roger Murtaugh (Danny Glover) postuliere ich: Ich bin zu alt für den Scheiß! Bei den schon historisch bekundeten Emoticons aus ASCII-Zeichen war und bin ich dabei. Ermöglichen sie doch auf dezente und ebenso profunde Art und Weise den Texten Gestik zu verleihen. Ein :-(, ;-) oder :) am Satzende postiert, kann den entscheidenden Unterschied zwischen Missdeutung und Verständnis ausmachen.

Danach folgten die aus Japan importierten Emojis. Nicht nur, dass sich diese wie die wild rammelnden Karnickel jedes Jahr vermehren und derart eine schieres Chaos besteht, auch sehen diese je nach verwendeten System leicht unterschiedlich aus – Raum für Irrtümer jedweder Art wird so geschaffen. Noch schlimmer finde ich, dass mittlerweile jede App einem die Verwendung der gelben Clowns-Gesichter nahezu aufzwingt. Da werden dezente Emoticons, ungefragt in kindische Emojis verwandelt – automatisch à la Autokorrektur, was für eine Unart.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Animoji & Memoji: Apple ersetzt das geschriebene Wort

Letztes Jahr dann der nächste Schritt zur Verniedlichung der Kommunikation: Apple führt mit den iPhone X die Animoji ein – wie der Name schon suggeriert, animierte Emojis, die per Gesichtserkennung die Gesten des Smartphone-Besitzers nachahmen. Spätestens hier steige ich aus. Kombiniert man diese mit dem hinzugefügten Klickibunti der Nachrichten-App von iOS 11, besteht direkte Lebensgefahr für alle Epileptiker. Aber auch Menschen mit einem gewissen Gespür für Ästhetik begeben sich unfreiwillig in Gefahr – Erbrechen und Erblinden kann nicht ausgeschlossen werden.

Leider verwendete die Menschheit auch nach der Einführung der Animoji noch ganze Sätze, die Verblödung des Homo sapiens gelang also nicht vollumfänglich. Motivation genug für den Weltverbesserer aus Cupertino im Jahr 2018 auf der WWDC den zweiten Angriff der Kuschel-Avatare vorzubereiten. Zunächst schickt man mit Geist, Koala, Tiger und T-Rex weitere Fußsoldaten in den Kampf um die Kommunikationshoheit. Damit nun auch ein jeder den großen Glubschaugen erliegt, verfügen jetzt alle Animoji über Zwinker- und Zungenerkennung. Na leck mich fett – wortwörtlich. Wer sich allerdings nicht durch einen Tierkopf oder einen animierten Scheißhaufen repräsentiert sieht, der darf im kommenden iOS 12 sich seinen eigenen Avatar basteln – Apple nennt dies Memoji. Das Comic-Ich findet dann nicht nur Verwendung im Chat, sondern auch als Kopfersatz beispielsweise in FaceTime. Tolle Sache, wer mal wieder am Abend zuvor zu tief ins Glas geschaut hat, der spart das Makeup und die Sonnenbrille. Einfach stattdessen das Memoji „aufsetzen“ und dem Chef per Videokonferenz völlig unverdächtig einen guten Morgen wünschen.

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iOS 12: Das sind Memojis – und so erstellt man sie.

Glaubt man der superlustigen und absolut „spontanen“ Plauderei auf der WWDC-Keynote, dann wird bei Apple nur noch derart miteinander gesprochen. Da darf auch Tim Cook mit eigenem Memoji nicht fehlen. Schon erstaunlich: Selbst sein persönlicher Avatar lässt jedes Charisma vermissen und gleicht dem Abbild eines Sparkassenvorstehers, die täuschend echte Imitation des Originals gelingt vortrefflich.

Kurzum: Memojis bedrohen zwar nicht den Weltfrieden, dienen aber auch nicht wirklich einer anspruchsvollen und zielgerichteten Kommunikation. Sie banalisieren das Gespräch und sorgen – zumindest bei mir – für heftige Momente des Fremdschämens. Fragt euch doch mal selbst, möchtet ihr beispielsweise eure vorzeitige Entlassung aus dem Arbeitsdienst (Kündigung) oder die Diagnose Analkarzinom in einer Welt der Memojis präsentiert bekommen?

Wo bleibt der „Mature Mode“ in iOS 12?

Was ist aus Apples Design-Ansatz der Reduktion geworden? Bei der Hardware folgt man dem Vorbild eines Dieters Rams und verspricht aufrichtig weniger ist mehr. Wie verträgt sich dies mit dem neuerlichen Feature-Fasching? Mag sein, ich persönlich muss diese Memojis nicht nutzen, doch andere tun es und drängen mir die Verwendung förmlich auf. Bei macOS hingegen hört man auf die Profis und spendiert diesen mit macOS 10.14 Mojave den lang herbeigewünschten „Dark Mode“. Ich wünsche mir von Apple einen „Mature Mode“ in iOS 12 für den erwachsenen Nutzer. Sämtliche Kommunikationsversuche mit Animojis und Memojis werden damit fortan blockiert. Text und das Verstehen desselbigen ist nämlich wichtiger denn je, animierte Comic-Köpfe lenken dagegen nur ab. Habe Mut, dich der eignen Sprache zu bedienen – frei nach Kant.

Anmerkung: Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und stellen nicht zwingend den Standpunkt der GIGA-Redaktion dar.

Die Keynote der WWDC 2018 ist soeben zu Ende gegangen. Verrate uns deine Meinung: Ist Apple weiterhin vorne mit dabei oder auf dem absteigenden Ast? Und welche Schulnote vergibst du iOS 12? Nimm an unserer Umfrage teil!

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